
Auf der Bundesversammlung am 30. Juni bin ich zusammen mit über 1000 anderen Wahlfrauen und –männern aufgerufen, den nächsten Bundespräsidenten zu wählen. Die Medien stilisieren die Wahl unseres Kandidaten Christian Wulffs zu einer Abstimmung über die Koalition hoch und berichten jeden Tag darüber, wer im bürgerlichen Lager Sympathie für den Oppositionskandidaten Gauck äußert. Das hat schon fast absurde Züge. Zu Beginn hatte ich noch amüsiert über die Phantomkandidatin Ursula van der Leyen gelesen, die ausschließlich von den Medien ins Spiel gebracht wurde. Von der Unionsführung hörte man nichts dergleichen. Dann verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Vorschlag, mit Christian Wulff ins Rennen zu gehen und man warf ihr vor, sich zu schnell festgelegt zu haben. Normalerweise bemängeln unsere Medien, sie sei zu zögerlich bei Entscheidungen.
Mittlerweile liest man von Vorwürfen der Links-Partei an Joachim Gauck, der als protestantischer Pfarrer in der DDR vom Regime Vergünstigungen erhalten hätte – so behauptet das zumindest Oskar Lafontaine, ein selbsternannter profunder Kenner des realexistierenden Sozialismus der DDR. Und gestern rief die Kandidatin der Linken für das Bundespräsidentenamt, Frau Luc Jochimsen, zum Generalstreik gegen das Sparpaket auf. Dabei stört sie sich offensichtlich nicht daran, dass Generalstreiks in Deutschland rechtswidrig sind – bei der Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, redet sie sich allerdings durchaus mit juristischen Spitzfindigkeiten raus.
Wenn ich all das Getöse um die Wahl des Bundespräsidenten ausblende, dann habe ich keinen Zweifel daran, dass nicht nur Christian Wulff die erforderliche Mehrheit erhält, sondern er auch ein sehr guter Bundespräsident sein wird. Anders als Joachim Gauck, über den ich mich schon in der letzten Ausgabe von Berlin Direkt geäußert hatte, kennt Wulff die Politik und Medienlandschaft und weiß mit dem Druck umzugehen. Wie wichtig das mittlerweile geworden ist, haben die Umstände des Rücktritts von Horst Köhler gezeigt.